Prophecy factory Real Persons: Der richtige Blick

  

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Der richtige Blick
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Bertolt Brecht hat in den 50er Jahren ein Gedicht von einem kleinen Haus unter Bäumen am See geschrieben, von dessen Dach Rauch aufsteigt, den er sich wegdenkt. Das Fehlen des Rauches empfindet er als trostlos und macht aus der syntaktischen Verwobenheit der einzelnen Bausteine der Idylle eine Aufzählung: "Haus, Bäume und See". Nicht nur die objektive Anwesenheit von Menschen macht aus der Szene etwas, das auf menschliche Belebtheit hinweist. Es ist vor allem das erkennende Subjekt, der Mensch, der aus den verschiedenen Elementen der Wahrnehmung ein nur durch sich selbst erstelltes Netz von Dingen macht.

Das Gedicht verrätselt seinen eigentlichen Inhalt: die Trauer um die eigene Niederlage. Im Leben eines jeden Menschen taucht diese Trauer irgendwann auf, sofern er wach genug ist zu sehen. Spätestens im Angesicht des eigenen Todes wird deutlich, daß alle Kämpfe, die Welt zu verändern, andere Menschen auszubeuten und für den eigenen Vorteil zu schädigen, die von den Eltern auferlegte Selbstbestrafung stellvertretend an anderen zu vollziehen, vergebens gewesen sind. Wer nicht erkennt, ein Verlierer zu sein, und um jeden Augenblick Leben kämpft wie ein Ertrinkender, versteht weder Leben noch Tod.

Die Erde wird aber auch von Lebewesen bevölkert, die nicht auf die bloße physische Existenz reduziert sind, auch wenn die Menschen sie genau so betrachten. Zumindest die Menschen, die sich selbst für zivilisiert, fortschrittlich und für die Krone der Schöpfung halten. Als sie noch einfache Bauern waren, mußten sie sich noch einen Gott basteln, der sie vor allen anderen Spezies auserwählte und ihnen das Recht gab, Pflanzen, Tiere, die ganze Erde zu beherrschen. Damals schon verließen sie den Garten Eden bzw. gliederten sie sich aus der "Natur" aus und betrachteten Wald, Steppe und Wüste mit seinen Lebewesen als feindliche Areale: die Menschen, die nicht wie sie Bauern wurden, haben sie erbarmungslos verfolgt und getötet; ebenso die Tiere, die sie nicht brauchen konnten. Die "modernen" Menschen sind qualitativ nicht anders, auch wenn sie Gott notgeschlachtet und sich selbst als Götter etabliert haben.

Diese Menschen - ich nenne sie im folgenden "Dummies", weil sie in ihrer ganzen Existenz und Verfassung an Crash-Test-Dummies erinnern - diese Dummies leben in unterschiedlichen Wahnwelten; jeder Landstrich, jeder Erdteil hat seine Wahnwelten. Da alle Mitglieder der sozialen Gemeinschaft in die jeweilige Wahnwelt hineingeprügelt werden, können sie sich darüber verständigen und halten das auch noch für die Realität: nationale, religiöse, kulturelle usw. Für die Dummies ist es schon schwierig genug, über den Tellerrand der eigenen lokalen Wahnwelt zu schauen; die aber ist immer wichtig, vor allem wenn Hände und Hälse gebraucht werden, den Nachbar-Dummies die Kehle durchzuschneiden oder ihre Städte zu bombardieren.

Noch weniger in der Lage sind die Dummies, sich selbst zu erkennen. Denn dann würde die eigene Wahnwelt zusammenbrechen, alles, was die eigene Ich- und Gruppenidentität aufrechterhalten hat. Das Dauergebrabbel der Unterhaltung würde in Stummheit umschlagen. Genau das passiert oft, wenn die Ärzte einen aufgeben, die grinsenden Erben ihre Dankbarkeitsrituale am Krankenhausbett durchführen und ein Pfaffe mit geschulter Betroffenheitsmimik daran erinnert, daß da der Herr einen mit offenen Armen empfangen und, natürlich, alles verzeihen wird. Das ist dann keine Fernsehserie mehr, in der in der nächsten Folge der Retter in Gestalt des weltbekannten Professors naht, sondern erstmals Realität: das Dahinschwinden der Lebensenergie.

Für Pflanzen und Tiere gibt es ein solches Szenario nicht, weil sie nicht eingepfercht sind in eine erbarmungslose Reproduktionsmaschinerie, die immer wieder Material für neue Raubzüge liefern muß. Die Dummies unterstellen ihnen zwar, bloße Reproduktionsautomaten zu sein; aber das ist eine Projektion. Nicht Menschen, sondern Pflanzen und Tiere sind vernunftbegabte Wesen, haben Verstand und wenden zum Erreichen ihrer Ziele ein Minimum an Energie auf. Ihre Ziele bestehen freilich nicht darin, ganze Landstriche zu veröden und Meere zu vergiften. Sie wollen auch nichts besitzen; etwas wie Reichtum ist ihnen genauso fremd wie Neid.

Sie haben ihre Sozialsysteme, in denen ihr Zusammenleben geregelt ist, allerdings nicht starr wie in manchen menschlichen Gesellschaften. Sie töten nicht, um zu herrschen, sondern aus Hunger.

Um Pflanzen und Tiere zu verstehen und mit ihnen kommunizieren zu können, muß man seinen anthropozentrischen Wahrnehmungsapparat abbauen. Nicht mehr: der Mensch bzw. ich bin der Mittelpunkt, sondern: ich bin nur kleines Teil eines großen Gewebes, in dem viele Stimmen zu hören sind. Handlungsanweisungen gibt es hier leider nicht, erst recht keine quasi-religiösen Einweisungen. Jeder muß selbst seinen Weg aus dem Dummie-Sumpf finden.

Link zu Brechts Gedicht:
Buckower Elegien auf Wikipedia - Dort wird das Gedicht, wenn auch verkürzt, interpretiert.

Last Update: 05.02.11

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