Der Jaguarschamane

Es war einmal ein kleines Dorf, wir vermuten: in Amerika (so nennen die Europäer den Teil der Erde, der jenseits des großen Ozeans liegt). Dort lebten Menschen unter, für Europäer, ungemein primitiven Bedingungen. Sie hatten keine Kanalisation und keinen Priester, kein Fernwärmenetz und kein Finanzamt, dafür einen Dorfältesten und einen Menschen, den interessierte Kreise (oder solche, die sich dafür halten), besonders Esoteriker, Schamanen nennen.

Eines Tages hörte die Regierung des Landes, daß es da dieses Dorf gab. Es war unglaublich! Der Präsident war entrüstet. Lebten da doch bestimmt an die fünfzig Landsleute und hatten noch keinen einzigen Peso an Steuern gezahlt. Da dieser Zustand für ein zivilisiertes Staatswesen unhaltbar war, schickte man flugs einen Regierungsvertreter in jene entlegene Gegend.

Die Bewohner waren gar nicht begeistert über den Besuch des Fremden. Sie hatten zuvor schon Kunde erhalten, was da auf sie zukommen würde. Nun stand der Vertreter des fernen weißen Präsidenten vor ihnen und verlangte Abgaben. Sie hatten aber weder Geld, wußten eigentlich nur vom Hörensagen, wozu Geld gut sei, noch Sachen, die sie verkaufen und so zu Geld machen könnten. So glaubten sie zumindest.

Der Regierungsmensch hatte ihnen eine Frist von sechs Monaten gewährt. Nach einem halben Jahr wollte er zurückkehren, und zwar mit einigen Militärberatern, wie er sich ausdrückte, und dann die Steuern abkassieren. Man kann sich kaum vorstellen, wie groß die Not der Dorfbewohner war. Der Älteste wußte partout keine Lösung. Da kam in Gestalt eines New-Age-Journalisten Hilfe. Der Mann war auf der Suche nach außergewöhnlichen Schamanen, um Geschichten über sie in seinem heimatlichen Magazin abzudrucken. Er hatte, wie ein hausbackener Missionar, einige Geschenke mitgebracht: Buschmesser, T-Shirts mit Coca-Cola- und McDonald's-Aufdrucken, ein paar Pornohefte, Spiegel, Büstenhalter für die Frauen, einen Minicomputer und eine Spiegelreflex für den Häuptling. Und die komplette Sammlung der Werke von Castañeda für den Dorfpapst, den Schamanen.

Drei Wochen redete der Mann aus der großen Stadt am Pazifik namens San Franzisko auf den Schamanen ein, dann hatte er ihn überredet, eine Welttournee zu machen. Unter dem Motto "Der letzte Schamane aus Kolumbien" sollte der Dollarsegen kommen und die Nöte der Dorfbewohner lindern.

Gesagt, getan. Der Schamane erhielt einen Linguisten aus Bogotà an die Seite, der sorgte für die Kommunikation mit dem Publikum in den USA und in den westeuropäischen Ländern. Und wie vorher absehbar wurde die Tour der Knaller der Saison. Den Guru aus dem Urwald wollten alle sehen, auch etliche Fernsehauftritte brachten hohe Tantiemen ein. Der Journalist, pfiffig, wie er war, hatte schon längst mit der Regierung abgedealt, wie dem Dorf immer neue Steuerschulden aufzuzwingen waren. So mußte der Schamane zu immer neuen Veranstaltungsserien aufbrechen, während die Zustände im Dorf trauriger und trauriger wurden. Ohne ihren Schamanen siechten die Kranken dahin, die Seelen der Bewohner wurden von allen möglichen bösen Geistern heimgesucht.

Eines Tages kehrte der Schamane in sein Dorf zurück, die Hälfte seiner Leute war bereits gestorben, die anderen in einem bedauernswerten Zustand. Als er das sah, sah er auch, daß er von der Regierung, diesem Journalisten, den Menschen draußen, die meist nur ihre Neugier befriedigen wollten, nur wenige wollten Hilfe, von fast allen draußen reingelegt worden war. Mit letzter Kraft zog er sich in den Dschungel zurück und verwandelte sich in einen Jaguar.

Als einige Männer ins Dorf kamen, um zu sehen, ob sie dort noch etwas herausschlagen könnten, stürzte sich aus einem Versteck ein Jaguar auf sie. Zugleich fiel etwas wie ein Stein auf sie hernieder, ein Kondor stürzte sich auf sie. Sie hatten keine Chance mehr, ihre Waffen zu ziehen. Der Jaguar biß zwei Männern das Genick durch, der Kondor und einige Waldgeister gaben den übrigen den Rest.

Die überlebenden Dorfbewohner hatten von all dem kaum etwas mitbekommen. Sie sahen nur die Leichen der Weißen. Sie trugen sie zum Fluß und überließen sie den Piranhas und Kaimanen. Dann gingen sie zurück ins Dorf, rissen ihre Hütten nieder und zogen sich in Richtung Gebirge in den Dschungel zurück. Sie fühlten sich auf ihrer Suche nach einer neuen Heimat seltsam geborgen, vor allem nachts, wenn ihnen ein Paar Glutaugen zusah, wie sie die Früchte des Waldes zubereiteten.

Nach zwei Monaten trat aus dem Dickicht ihr alter Schamane, er sah so jung und voller Kraft aus. Er sagte ihnen, daß an dieser Stelle das neue Dorf entstehen sollte, in diesem Tal, das fast unzugänglich war, nur durch eine Regenwand.

In den zwei Monaten aber waren sowohl die Regierung als auch die Eso-Szene nicht untätig gewesen. Die Männer wurden vermißt und deshalb gesucht, und die Herausgeber diverser Zeitschriften in den USA, Kanada, der Bundesrepublik, in Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, Schweden usw., sie alle wünschten sich ein baldiges Come-Back ihres Indianer-Gurus. Deshalb startete eines Tages ein Hubschrauber zum alten Dorf, das inzwischen vom Regenwald verschluckt war. Der Journalist und sein Pilot irrten hin und her, sie fanden nichts. Schließlich hatten sie kein Kerosin mehr und mußten notlanden. Drei Tage hielten sie durch, dann fielen sie einer Gruppe Jaguare zum Opfer, einer Mutter, die ihren zwei Söhnen die Kunst des Jagens beibrachte.

Die Regierung hatte nach der Suchaktion die Nase voll. Sie beschloß, ein Exempel zu statuieren und zehn Flugzeuge mit Napalmbomben in die Region zu schicken. Ziel: Flächenbombardement. Jeder im Lande sollte wissen, daß man nicht ungestraft Steuern hinterzieht. Leider konnten die Flugzeuge nicht starten. Ein schweres Erdbeben erschütterte das Tal, in dem die Hauptstadt lag, der Militärflughafen, da er vollgestopft war mit Bomben, Raketen, explodierte. Auch die Paläste der Regierenden sanken in sich zusammen und begruben viele unter sich.

Leider blieb es nicht bei diesem Beben. Aber das sollte erst später geschehen. Der Schamane kehrte einstweilen zu seiner Jaguarfrau zurück, um seine beiden Söhne zu bewundern.

© Copyright Anita Conchita Martinez